Newcastle für Entdecker

Ein Rundgang durch das Kreativviertel Ouseburn und ein Ausflug ins maritime Tynemouth

Wer zum ersten Mal in der ehemaligen Industriestadt im Norden Englands unterwegs ist, wird schon im Zentrum aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Newcastle hat eine schier nicht enden wollende Food-Szene, jede Woche eröffnet ein neues Musikvenue oder eine Bar. Die Stadt pulisert. In Newcastle kommt das Pochen ganz klar aus Ouseburn. 

Benannt nach dem kleinen Fluss, der in die Tyne endet, war das Ouseborn Valley einst die Wiege der Industriellen Revolution. Große Fabriken siedelten sich hier an, die dann in den dunklen Stunden irgendwann verlassen wurden. Wie in vielen Großstädten, kamen mit den fallenden Mieten irgendwann die Kreativen, entdeckten den Orte neu, renovieren, bauten um und schufen sich und ihren Ideen ein neues Zuhause.  Heute nennen die Einwohner Ouseburn ihr „urbanes Dorf“, in dem Kunst und Kultur angebaut wird. Die Künstler haben andere Kreative angezogen, die kleine Restaurants und Geschäfte eröffnet haben. Und es werden täglich mehr. 

Wir machen einen Zug durch die Gemeinde und starten im Norden an der „Biscuit Factory“. In einer ehemaligen viktorianischen Keksfabrik wird auch heute noch gebacken, aber eher an neuen Ideen und Kunst. Die Biscuit Factory ist nicht umsonst Großbritanniens größte Galerie für Kunst, Kunsthandwerk und Design. Die Gebäude wurden liebevoll renoviert und sind nun Heimat für Künstler und ihre Werke. Wechselnde Ausstellung, Workshops und Tage der offenen Tür ziehen mittlerweile Kunstliebhaber aus der ganzen Welt an. Und das Beste: einige der Kunstobjekte kann man hier direkt kaufen. Und weil Kulinarik zum Kunstverständnis der Macher gehört, gibt es hier nicht nur das hervorragende „The Factory Kitchen Café“ mit Gerichten die vom Mittelmeer und dem mittleren Osten beeinflusst sind, sondern auch ein Gourmetrestaurant. „Artisan“ ist zu Recht ein mehrfach ausgezeichnetes Fine Dining Restaurant, das saisonale britische Küche neu interpretiert und respektvoll mit den Zutaten aus der Region umgeht.

The Biscuit Factory
The Biscuit Factory // Foto von @smaracuja

Direkt nebenan steht einer der Kultläden des Viertels: „Ernest“. Die Leute dahinter sind fast alle Künstler, die nebenbei ein paar Pfund dazuverdienen müssen und wollen – und das mit liebevoll und gut gemachten einfachen Gerichten. Handwerk wird hier also groß geschrieben  - die Preise sind eher klein. Besonders empfehlenswert ist das herzhafte Mittagessen, abends legen hier DJs auf und es wird laut und voll!

Geht man von hier Richtung Süden, läuft man auf einen der großen und unübersehbaren Viadukte der Stadt zu. 
Direkt darunter versteckt sich seit kurzem der „Arch 2 Brewpub & Burger Kitchen“, einem mittlerweile schwer angesagten Hipster-Hangout im hier echten Industrial-Chic, in dem ein hervorragendes hausgemachtes Craft-Bier und wirklich leckere Burger serviert werden. Genial ist der Innenhof mit den hübschen Lampions, in dem abends oft ein Lagerfeuer angezündet wird. Sehr gemütlich!  

Dreht man sich von hier aus einmal um die eigene Achse, gibt es so viel zu sehen, dass eine Entscheidung sicherlich schwerfällt. 

Wer gut zu Fuß ist und richtig Lust auf die wohl besten Tacos der Region hat, geht ziemlich weit nach links Richtung Ende der Shield’s Road. In dieser selbst für Ouseburn wirklich sehr unbelebten Gegend befindet sich „Chucho’s Tacos“ – das von einem Pärchen mit viel Hingabe und vor allem Wissen betrieben wird. Angefangen haben sie mit Pop-Ups, die so überrannt waren, dass sie sich schnell nach einer festen Bleibe umgeschaut haben und hier fündig wurden. Die Rezepte stammen übrigens aus Mexiko  - nämlich von der Mutter und den Großmüttern des Besitzers namens Jesus.

Wer keine Lust auf Tacos hat, und immer noch an der der Kreuzung unter dem Viadukt steht, könnte nach wenigen Schritten geradeaus herrlich auf einen Drink in einem der legendären Pubs einkehren: im „The Cluny“ gibt es gutes Pubfood, Bier und vor allem alternative Musik in einer herrlich entspannten Atmosphäre. Eine ähnliche Institution ist der Pub „the Cumberland Arms“, nur ein paar Schritte weiter nach links.  

The Old George
The Old George // Foto von @smaracuja

Aber zurück entlang der Lime Street  - direkt neben „The Cluny“ haben sich etliche Künstler im „36 Lime Street“ zusammengefunden. Das Gebäude ist die älteste und größte Studiogruppe im Nordosten England und beherbergt über 40 Künstler, Macher und Designer.  

Gegenüber sieht man manchmal Ansammlungen von Menschen und fragt sich: was machen die alle da? Ganz einfach – hier beginnen die Touren durch die Viktorianischen Tunnel von Newcastle, die selbst Einwohner in Staunen versetzen. Wer mitmachen will, sollte sich unbedingt vorher anmelden, denn die Chancen auf einen freien Platz ohne Anmeldung sind nahezu aussichtslos.  

Spannendes gibt es aber auch gegenüber – im Nationalen Zentrum für Kinderbücher „Seven Stories“ wird man sogar fasziniert sein, wenn man kein Kind ist. In einer alten viktorianischen Mehlmühle wird nun auf sieben Stockwerken das Kinderbuch gefeiert. Es gibt Lesungen und Workshops, allerdings natürlich auf Englisch.

Ein paar Schritte weiter geht es links in die  Straße Byker Bank –auch diese Straße sieht erst einmal nur nach Industriebetrieben aus, aber gleich um die Ecke befindet sich das „The Kiln“, das so richtig typisch für Ouseburn ist: nämlich Kunst und Kulinarik auf einen Schlag. Das Kiln muß man einfach lieben, denn einerseits ist es Bar, Café und Restaurant, andererseits ist es eine Keramik- und Töpferwerkstadt. Natürlich werden alle Teller und Tassen auf denen das liebevoll zubereitete Essen und die Getränke serviert werden, gleich nebenan getöpfert. Apropos Essen: viele der köstlichen Gerichte sind vegetarisch, einige vegan! Kein Wunder also, dass sich „The Kiln“ längst zu einem der beliebtesten Orte des Viertels gemausert hat. 

Zurück auf der anderen Seite des Flüsschens, wird die Lime Street direkt zur Ouse Street – und auch hier gibt es einiges zu entdecken. Allen voran eine wahre kulinarische Institution. Das „Cookhouse“ ist schon von außen etwas anders, denn es befindet sich in zwei alten Schiffscontainern. Die Besitzerin Anna Hedworth hat aber nicht nur ein offensichtliches Faible für Interior-Design, sondern auch für hervorragendes Essen und kuschelige Gastfreundschaft. Die Zutaten der von ihr täglich zubereiteten Gerichte kommen aus dem Umland, die Inspirationen wohl von den vielen Stories ihres Foodblogs. Hier wird jeder glücklich und satt!

Das Ende der Ouse Street trifft auf die Walker Street, und direkt an der Ecke auf der linken Seite sieht man ein imposantes Gebäude. Es ist eine der zentrale Anlaufstellen und ein weiteres Symbol für die Wandlung von Ouseburn: die „Toffee Factory“. Der Name verrät was hier früher hergestellt wurde. Heute sitzen hier Start-Ups neben anderen Kreativen und arbeiten direkt am Kai zwischen der Tyne und ihrem Zulauf Ouseburn.  

Geht man rechts an der „Toffee Factory“ vorbei, überquert man erneut die Ouseburn und sieht rechts schon die Tyne  - und ihre gleichnamige legendäre Bar. Die „Tyne Bar“ hat sicherlich einen der schönsten Biergarten der Stadt  - unter einem mit Graffiti verzierten Viadukt, der nicht nur extrem cool ist, sondern die Biertrinker auch vor Regen schützt. Natürlich gibt es am Wochenende auch Live-Musik!

Von hier geht es direkt zu Quayside. Am Wochenende findet am Ufer der Tyne ein bunter Markt statt, auf dem es tatsächlich alles gibt. Neben allerlei Krimskrams aber zum Beispiel auch einen Stand der „Ouseburn Coffee Company“, die laut vieler den besten Kaffee der Stadt herstellt. Direkt an der Tyne treffen sich die unmotorisierten Biker bei gutem Wetter und schlürfen ein Getränk im „Cycle Hub“. Radfahrer sind hier nicht nur willkommen, sondern findet bei den freundlichen Mitarbeitern auch Tipps für Radtouren und in der Werkstatt Hilfe bei technischen Problemen mit den Rädern. 

Fast am Ende der parallel laufenden St. Lawrence Road gibt es mit den „Mushroom Works“ schließlich einen weiteren Kreativ-Hub. Mehrere Künstler, Möbelhersteller und Designer arbeiten und stellen hier aus. Events und regelmäßig offene Ateliers sind ideal um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. 

Wer keinen Neuzugang in Ouseburn verpassen will, sollte ab und an bei Instagram auf den Location Tag #OuseburnValley schauen. Da passiert garantiert einiges!

 

Angelika Schwaff hat für ihren Blog Reisefreunde schon 91 Länder besucht  - in Newcastle war sie übrigens zum ersten mal direkt nach dem Abitur - mit 19 Jahren.

Dies könnte Ihnen auch gefallen:

Kleinod am Meer
.
48 Stunden
.
Rund um Newcastle
.
Viel erleben für Zero Budget
.
The Great Exhibition of the North
.
Newcastle mal anders
.
The Great Exhibition of the North
.