Fräulein Draußen wandert durch Schottland

Ein Zaun. Ziemlich unscheinbar. Noch nicht mal das kleinste Schild weist darauf hin, was er bedeutet. Und doch bedeutet er ziemlich viel. Zumindest für mich. Denn auf der einen Seite des Zauns, da liegt England. Und auf der anderen Seite Schottland. Ich winke ein letztes Mal einem Wegweiser des Pennine Way zu, der sich von hier aus Richtung Osten wendet. In ein bis zwei äußerst matschigen Tagesetappen wird er nach insgesamt 429 Kilometern in Kirk Yetholm enden. Ich aber gehe von hier aus Richtung Nordwesten. Mein nächstes Ziel: Der West Highland Way ein Stück nördlich von Glasgow.


West Highland Way, Glen Coe // Foto von Fräulein Draußen

Ein kleiner Kulturschock war das ja schon, dort nach Wochen der Einsamkeit auf dem Pennine Way auf die vielen Wanderer zu treffen, die wie ich in rund einer Woche bis nach Fort William laufen wollten. Aber auch eine durchaus willkommene Abwechslung! Sich zusammen über die wilde Schönheit des Glen Coe und Rannoch Moor oder über den unfassbar tollen Blick über Loch Lomond zu freuen, nachdem man gemeinsam den Conic Hill erklommen hat, das hat schon was. Ganz zu schweigen von dem allgegenwärtigen Austausch über Blasen, schlechtes Wetter, Midges und andere „Freuden“ des schottischen Fernwandererlebens. Geteiltes Leid ist eben immer noch halbes Leid!


West Highland Way, die Sicht auf Loch Lomond von Conic Hill // Foto von Fräulein Draußen

Während für viele dort der West Highland Way jedoch die Herausforderung ihres Lebens war, kam er mir doch eher ein bisschen wie Urlaub vor. Gut ausgebaute Wege, viele Unterkünfte, viele Pubs. So ganz anders als das, was mich anschließend erwarten würde. Denn der letzte große Abschnitt meiner Wanderung sollte mich mitten durch die Highlands führen - und dort gibt es abgesehen von sehr, sehr viel wunderbarer Natur nicht viel.


Die Wildnis der Highlands // Foto von Fräulein Draußen

Doch manchmal kommt alles anders, und noch öfter als man denkt. Und so hat es nur einen Tag und 30 Kilometer in der Wildnis der Highlands gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich dieser Art von Herausforderung nicht mehr gewachsen bin. Gleichzeitig wurde mir auch mehr denn je bewusst, dass ich eigentlich schon längst alles erreicht hatte, was ich erreichen wollte. Dass ich so viel Glück und Wanderliebe erlebt hatte. Und dass es jetzt nach 81 Tagen und 1.500 Kilometern einfach Zeit für mich war, wieder nach Hause zu gehen.

Also warf ich alle Planungen über den Haufen und steuerte mein neues Ziel an: Inverness. Ich lief auf dem Great Glen Way durch die vielleicht letzten warmen Spätsommertage. Genoss die Ruhe entlang der Kanäle und Lochs. Sah Fischreihern und Adlern zu bei der Jagd zu. Mit der tiefen Gewissheit, dass es genau die richtige Entscheidung zum genau richtige Augenblick gewesen war.


Fräulein Draußen am Loch Ness // Foto von Fräulein Draußen

Am Loch Ness angekommen quartierte ich mich in das kleine Hostel direkt am See ein, welches ich schon vor drei Jahren einmal besucht hatte. Es war damals der Anfang meiner ersten Soloreise und ich war höllisch erkältet gewesen. „So schließt sich der Kreis“, dachte ich mir. Und sah zufrieden mit mir selbst und dem Leben und der Welt dem roten Feuerball am Himmel beim Untergehen zu.

Jetzt bin ich wieder Zuhause, und kann gar nicht so richtig glauben, was ich in den letzten drei Monaten alles erlebt habe. Meine Wanderung war großartiger, als ich es je zu hoffen gewagt hatte. Die Natur und die Menschen Großbritanniens haben mich gleichermaßen begeistert. Und ich freue mich schon jetzt darauf, zurückzukehren. Die Highlands und ich, wir haben da noch eine Verabredung ausstehen. Und den Rest des South West Coast Path würde ich auch gerne noch irgendwann in Angriff nehmen. Und dann gibt es da ja auch noch den Pembrokeshire Coast Path in Wales. Und den Skye Trail. Und auf den Cotswolds Way hätte ich auch mal irgendwie Lust.

In diesem Sinne: Es war so schön mit dir, Großbritannien. Danke für alles und bis bald. Dein Fräulein.  

 

Über Fräulein Draußen

Bei Fräulein Draußen geht es um kleine und große Abenteuer. Abenteuer, die jede und jeder erleben kann. Egal ob in den heimischen Bergen oder der weiten Welt. Es geht um die Liebe zur Natur und den Drang nach Freiheit. Es geht um selbstbestimmtes Reisen, egal ob allein oder in Begleitung. Outdoor, Reisen, Wandern, Abenteuer – am besten alles zusammen. Mit viel Begeisterung und ein bisschen Mut. Nicht nur für Fräuleins!

Eigentlich heißt das Fräulein Draußen übrigens Kathrin, ist 28 und kommt aus München. Neben dem Draußensein mag sie Hunde und schlechtes Wetter. Sie studierte zwei Semester Altisländisch. Und ihre Lieblingsfarbe ist grün.


Fräulein Draußen in Land's End zu Beginn ihrer Wanderung

Über die Wanderung durch Großbritannien

Kathrin möchte Großbritannien einmal komplett der Länge nach durchwandern – vom süd-westlichsten zum nord-östlichsten Punkt. Von Land’s End nach John o‘ Groats.  Knapp 2.000 Kilometer. 85 Tagesetappen. Das macht im Durchschnitt 22,8352941176 Kilometer pro Tag. Dazu kommen noch die Höhenmeter. Zwischen 80 und 1440 ist alles drin.

Der gängige Name, oder viel mehr die offizielle Abkürzung dieses Vorhabens lautet übrigens LEJoG bzw. JoGLE, je nachdem, ob man die Insel von Süd nach Nord oder umgekehrt durchquert. Wobei diese Abkürzung eigentlich vor allem unter Radfahrern bekannt ist, denn die Insel in ca. 10 – 14 Tagen der Länge nach zu durchfahren ist ein beliebtes Vorhaben unter Britischen Radsportlern.

Zu Fuß machen sich da schon deutlich weniger Menschen auf den Weg, und außerhalb der Grenzen des Königreiches ist diese Fernwanderung sowieso kaum bekannt. Was aber auch daran liegen mag, dass es gar nicht „die eine“ Route gibt. Wichtig ist nur die Durchquerung von Süd nach Nord komplett auf zwei Beinen bzw. zwei Rädern – wie man den Weg dazwischen gestaltet, bleibt einem selbst überlassen.


Wandern entlang des West Highland Way, Glencoe // Foto von Fräulein Draußen

Kathrins Route folgte zu ca. 40% etablierten Fernwanderwegen und versucht wann immer möglich fernab von Orten und Städten zu verlaufen, was das Laufen zwar nicht gerade einfacher, dafür aber umso schöner macht. Auf der Liste stehen unter anderem Teile des South West Coast Path, des Offa’s Dyke Path, des Pennine Way und der West Highland Way.

Mehr Infos und Berichte zu Kathrins Wanderung findet Ihr auch hier auf www.fraeulein-draussen.de. Außerdem könnt ihr auf Facebook, Instagram und Twitter immer live mit dabei sein.