Der Regent’s Canal: Ein hübscher Spaziergang von Paddington nach Camden

Seit jeher zieht es den Menschen ans Wasser. Wasser entspannt. Wasser gibt uns Kraft und macht den Kopf frei. Wasser ist Leben. Das wussten schon die Römer, die um 43 n.Chr. Londinium an der Themse gründeten. Der Fluss war breit genug für ihre Schiffe, schmal genug um mit einer Brücke Nord und Süd zu verbinden. Es gab nahrhaften Boden und jede Menge frischen Fisch.

2000 Jahre später ist die Themse immer noch das Herzstück Londons und an sonnigen Tagen wird die Southbank regelmäßig Treffpunkt eifriger Spaziergänger, die sich mitunter regelrecht den Fluss entlang schieben.

regents canal london little venice

Wer Abwechslung sucht und dabei nicht auf das schillernde Nass verzichten möchte, der verlagert seinen Spaziergang etwas in Richtung Norden, genauer gesagt an den Regent’s Canal. Diese etwa 13km lange Wasserstraße erstreckt sich von Paddington im Westen bis Limehouse im Osten und wurde 1820 eröffnet, um Güter wie Holz oder Kohle zwischen Nord- und Südengland zu transportieren. Sie war dabei die südliche Verlängerung des Grand Union Canals, der bis nach Birmingham reicht.

Seit den 1960ern liegt der Regent’s Canal für den Warenverkehr jedoch brach und ist nun ein beliebtes Ausflugsziel innerhalb Londons, wobei hier ganz klar gilt: Der Weg ist das Ziel.

Für die gesamte Strecke braucht man natürlich etwas Zeit, doch ich habe mir neulich ohnehin den meiner Meinung nach schönsten Abschnitt für euch vorgeknöpft: den Weg vom Paddington Basin bis hin zum Camden Market.

Ihr solltet mindestens 75 Minuten Zeit für diese ca. 4 km mitbringen – so könnt ihr entspannt am Wasser entlang schlendern und euch zwischendurch auch mal mit einem Kaffee auf einer Bank ausruhen und die vorbeifahrenden Hausboote beobachten.

1. Paddington Basin

Wir starten nun am ruhig gelegenen Paddington Basin etwas nördlich vom Hyde Park. Ich bin mit der Ubahn hingefahren, und zwar zur Station Paddington, doch ihr könntet auch Edgware Road oder Warwick Avenue nutzen. Es ist jedenfalls nur ein kurzer Fußweg zum Paddington Basin, das früher ein Auffangbecken für die beladenen Boote war. Heute gleicht es einer kleine Oase mit zahlreichen Restaurants und vielen netten Sitzgelegenheiten am Wasser.

Auch findet ihr dort die Rolling Bridge, eine kleine Fußgängerbrücke, die sich wie ein Igel einrollen und somit den Weg für Boote freimachen kann. Wer nicht zu Fuß weiterlaufen möchte, der mietet sich für zwei bis drei Stunden ein motorisiertes Ausflugsboot (unbedingt reservieren!).

regents canal boat little venice

Egal ob nun zu Fuß oder zu Wasser, generell heißt es für den Großteil des Weges „immer der Nase nach“. Der Spaziergang führt direkt neben dem Kanal entlang. Nur manchmal müssen wir etwas ausweichen und ein paar Meter auf der Straße zurücklegen oder auf die andere Kanalseite wechseln. So auch gleich nach dem Verlassen des Paddington Basin: wir überqueren die Brücke und schnappen uns einen Kaffee zum Mitnehmen. Die Auswahl ist groß – es gibt jede Menge Cafés und Restaurants am Ufer und auch am Wasser. Wenn ihr Glück habt entdeckt ihr sogar The Floating Boulangerie, eine Bäckerei zu Wasser sozusagen und berühmt für ihre super leckeres Gebäck. Die beiden Franzosen Jeremy und Lindsay setzen den Anker nicht immer an derselben Stelle und so darf man sich als echtes Glückskind bezeichnen, wenn einem plötzlich der Duft von frischen Croissants in die Nase steigt.

waterside cafe regents canal london

2. Little Venice

regents canal boat little venice

Vorbei an Little Venice, wo der Regent’s Canal den Grand Union Canal trifft und man noch die alten Lagerhäuser ringsum erkennen kann, biegen wir rechts ab und folgen dem Weg weiter direkt neben dem Wasser. Das italienische Café Laville hat sich auf einer kleinen Brücke positioniert, von wo aus man einen schönen Blick auf den darunter liegenden Bootsverkehr hat. Fragt dort ruhig höflich nach ob ihr die Toilette benutzen könnt! Bis zum Camden Market ist dies nämlich eure letzte Möglichkeit, ohne großzügig von der Route abzuweichen.

Nach dem Café Laville verlassen wir den Kanal kurz und spazieren etwa 10 Minuten an der Straße entlang – doch der Weg ist gut ausgeschildert und wir sind auch schnell wieder unten beim Wasser.

Nun folgt meine Lieblingsstrecke: kein Nachdenken wo es weiter geht, immer geradeaus und so richtig idyllisch in dieser kleinen Senke fernab vom Straßenlärm – man könnte glatt vergessen, dass man in London ist!

Winkt den Leuten auf den vorbeifahrenden (Haus-)Booten zu, gerne auch den Stehpaddlern und – was ebenso manchmal vorkommt – den Leuten in den Gummibooten, die darin die Sonne genießen! Habt ihr etwas Brot mit dabei, so werden sich die zahlreichen Enten freuen.

regents canal london little venice

Entlang dieser Teilstrecke, und kurz bevor man sogar ganz nah an den Käfigen des Londoner Zoos vorbei kommt, befinden sich mehrere alte Villen aus dem frühen 19. Jahrhundert. Sie stehen prachtvoll am nördlichen Ende des Regent‘s Park und wurden vom Regency Architekten John Nash geplant, welcher ebenso und in etwa zeitgleich am Bau des Kanals selbst beteiligt war. Auch der amerikanische Botschafter hat hier seinen Wohnsitz.

3. Camden Market

Immer mehr Graffitis entlang des Weges lassen uns jetzt bereits erahnen, dass wir nicht mehr weit von Camden entfernt sind. Dieses Viertel ist für seinen kunterbunten Kultur-Mix, schrille Outfits und wilde Parties bekannt. Und natürlich auch für den weit über Londons Grenzen hinaus berühmten Camden Market, wo wir uns einen wohlverdienten Snack nach unserem Spaziergang gönnen wollen.

Camden market chocolate waffle

Doch zuerst müssen wir am Piratenschloss vorbei, bevor wir uns der riesigen Auswahl an Süßem und Saurem stellen können! Das Pirate Castle sieht mit seinen Zinnen und Fahnen tatsächlich wie eine echte Piratenhochburg aus, doch in Wirklichkeit ist es richtig harmlos: ein über Spenden finanziertes Gemeinschaftszentrum, das lokalen Kindern und Jugendlichen den Wassersport näherbringt.

camden lock market london

Dann ist es endlich soweit – wir sind am Camden Lock, einer kleinen Schleuse und gleichzeitig höchstem Punkt des Kanals. Der Duft exotischer Köstlichkeiten lockt uns in den angrenzenden Marktbereich, der allerdings nicht nur kulinarisch gehörig auftrumpft: wer hier shoppt, tanzt, trinkt oder isst reiht sich ein in eine Liste namhafter Marktbesucher wie Bob Dylan, Mick Jagger, Barbra Streisand oder Naomi Campbell. Und vergessen wir nicht Amy Winehouse, die hier schon als Teenager Kerzen verkauft hat! Eingefleischte Fans posieren neben ihrer Statue, die 2014 zu Ehren der verstorbenen Sängerin am Markt aufgestellt wurde.

Uns bleibt nun die Qual der Wahl: Was sollen wir essen? Was sollen wir shoppen? Alles auf einmal durchzuprobieren ist schier unmöglich. Am besten kommen wir bei nächster Gelegenheit gleich nochmal vorbei …

Gut zu wissen: Der beschriebene Weg ist hautsächlich flach und auch wunderbar mit einem Kinderwagen oder Rollstuhl zu befahren.

 

Die Autorin Julia Huber ist London Blue Badge Tour Guide und begleitet Sie gerne auf Ihrem Urlaub in London.

juliacityguide.com

26 May 2021(last updated)

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