Die Londoner Kanäle - eine Oase der Nachhaltigkeit

Die Millionenmetropole London ist viel grüner, als man annehmen mag: Ein viertelstündiger Fußmarsch in beliebige Richtung führt fast immer vorbei an einem Park oder Garten. Die Stadt ist wahrlich durchzogen von Grünflächen, auf denen die Londoner gerne ihre Mittagspause verbringen. Tatsächlich gibt es so viele Bäume wie Einwohner - mehr als acht Millionen - und der Blick auf die Landkarte zeigt, dass 21 % der Stadtfläche begrünt ist.

Ganz besonderen Charme versprühen die Kanäle mit ihren üppig begrünten Ufern. Vor allem die Einheimischen tummeln sich hier - für Touristen eher ein Geheimtipp. Bei einem Spaziergang entlang des Wassers bekommt man eine Kostprobe des realen Londoner Alltags: Radfahrer auf ihrem Weg von und zur Arbeit. Menschen, die stundenlang am Kanalufer sitzen, plaudern und die Füße ins Wasser baumeln lassen – und natürlich die Hausbootbesitzer, die jenen privilegierten Ort ihr Zuhause nennen. 

Ein Spaziergang durch diese nachhaltigen Oasen gibt das gute Gefühl, Teil der Stadt zu sein. Auf den Treidelpfaden und Flusswegen scheint die Zeit in einem anderen Tempo zu vergehen. Umgeben von Wasser und mächtigen Bäumen, die gerade im Herbst zu besonderer Schönheit reifen, spürt man die unglaubliche Energie dieser Großstadt, in der nach wie vor Mutter Natur das Sagen hat. Es lohnt sich wirklich!

Von Little Venice zum lebendigen King’s Cross

Entlang des Regent's Canals findet sich ein einfacher Spaziergang, der für Jedermann aufschlussreich ist. Auch per Kajak kann man diesen Wasserweg erkunden. Der Kanal wurde ursprünglich erbaut, um einen Teil des Grand Union Canal mit der Themse zu verbinden. Er verläuft vom so genannten Little Venice bis in die Docklands, im östlichen Teil der Stadt. Insgesamt hat der Kanal eine Länge von fast 14 Kilometern.

Los geht es in Primrose Hill: Das heitere Stadtviertel im Norden der Hauptstadt grenzt direkt an den Regent's Park, der zu den historischen königlichen Parks im Zentrum zählt. Unbedingt sollte man hier Zeit für einen Zwischenstopp in der Primrose Bakery einplanen: Die Bäckerei ist für ihre Cupcakes bekannt und bereitet den wohl britischsten Karottenkuchen des Landes zu. Den Londoner Zoo im Rücken, geht es zum Kanal und dort in Richtung Camden. Hinter dem belebten Markt liegen die Grünflächen des Castlehaven Community Park & Horticulture Hub – einem spannenden Öko-Projekt, das Hoffnung auf eine grüne Zukunft macht. Ehrenamtliche Helfer kümmern sich hier nicht nur um den Erhalt der bestens gepflegten Gartenflächen, sondern auch um ein vielfältiges Veranstaltungsprogramm rund um nachhaltiges Leben. In Workshops können Hobbygärtner lernen, wie sie Gemüse anbauen und erfahren Wissenswertes zur Gartenarbeit. Freitags kann man hier zudem Gemüse aus eigenem Anbau kaufen.

 Granary Square & Kings Cross, London

Zurück am Kanalufer geht es in Richtung Osten, vorbei am geschäftigen Stadtteil Camden nach King’s Cross. Hier kann man Zeuge werden, des wohl anspruchsvollsten Projekts zur Stadterneuerung Londons. Jede Menge Grünflächen findet man in dem einst heruntergekommenen Industriegebiet, das vor Jahren noch als Müllhalde für Autos und Bauschutt verschrien war. Wo früher Drogenhandel und Prostitution auf der Tagesordnung standen, erlebt man heute – gut zwanzig Jahre nach den ersten Bemühungen – eines der lebendigsten Viertel im Norden der Stadt.

Bevor es am Kanal weiter geht, empfiehlt sich ein kleiner Zwischenstopp am Granary Square mit seinem symbolträchtigen Brunnen: Ein perfekter Ort für kulinarische Genüsse! In der lichtdurchfluteten Weinbar Vinoteca wartet von biodynamischem, englischem Schaumwein über Gin Tonic und Cocktails bis hin zu alkoholfreien Getränken für jeden Geschmack ein Highlight. Im Instagram-tauglichen Restaurant Caravan genießt man Brunch auf die australische Art sowie hervorragenden Kaffee vom Barista inmitten von Industrie-Chic. Ausgezeichnete Tacos gibt es bei Al Pastor und Fans indischer Küche sollten unbedingt im renommierten Dishoom vorbeischauen. Hier stehen die Menschen sogar Schlange – ein echter Beweis für die Spitzenqualität der Küche. Also: Unbedingt Zeit für das gastronomische Angebot einplanen!

Granary Square, King's Cross. Des gens se détendent et discutent le long du canal.

Der Naturpark Camley Street mit einer Fläche von fast einem Hektar liegt zwischen King's Cross und St. Pancras. Nach umfassender Renovierung kürzlich wiedereröffnet, ist der Park bis heute nur wenig bekannt. Errichtet wurde die Grünanlage aber schon im Jahr 1984 auf einem ehemaligen Hof, der zur Lagerung von Kohle aus dem Norden genutzt war. Gerade aus diesem Grund kommt dem Park besondere Bedeutung als Symbol für Nachhaltigkeit zu. Hier gibt es Waldflächen und Sumpfland - ein perfekter Lebensraum für Dutzende von Tieren und Pflanzen, die in anderen Teilen der Stadt nicht überleben könnten. Gleichzeitig hat man hier eine fantastische Fotokulisse der unbekannten Seite Londons. 

little venice canal london

Zwischen Kanal und Land sind schwimmende Schilfgürtel angelegt. So können die überschüssigen Nährstoffe des Wassers absorbiert werden, was zu weniger Abfall und saubererem Wasser führt. Ein Muss ist der schwimmende Aussichtspunkt: Hier genießt man einen ganz neuen Blickwinkel auf den Kanal, kann richtig abschalten und vergisst, dass man sich im Zentrum einer Millionenstadt befindet. Die eindrucksvolle Plattform im Wasser wurde von einem Team junger finnischer Architekten designt.

Ganz in der Nähe, auf der anderen Seite des Kanals, hat der renommierte britische Landschaftsarchitekt Dan Pearson sein Tribut zur Umgestaltung der Gegend gezollt, Die Handyside Gardens sind ein öffentlicher Park, der mit dem Fußweg am Kanal verbunden ist.  Pearson hatte immer schon die Vision, Menschen wieder näher zur Natur zu bringen. Bei seiner Gartenkreation wählte er daher ausschließlich Pflanzen, die durch Schönheit und Farbe bestechen und sich im Jahreszeitenverlauf eindrucksvoll verändern. Pearsons Anlage lädt regelrecht dazu ein, sich auf einer der vielen Bänke auszuruhen und die geschickte Verschmelzung von Natur und urbaner Lebenswelt zu bewundern.

Von Angel nach Hackney, das moderne Herz Londons

Le Towpath Cafe, un restaurant au bord du canal.

Weiter geht’s von King’s Cross in Richtung Angel. Der herrliche Fußweg ist gesäumt mit Trauerweiden und Holunderbäumen.  Von aromatischen Kräutern bis zu schmackhaftem Gemüse wachsen die unterschiedlichsten Pflanzen nach Jahreszeit am Wegesrand. Für eine kleine Pause bietet sich das charmante Café Towpath an: Direkt am Kanalufer gelegen und vor allem zum Brunch beliebt. Die Küche begeistert mit frisch zubereiteten Speisen aus regionalen Zutaten.  Ein hervorragendes Beispiel der Philosophie des Hauses ist der selbst angesetzte Holunderblütensirup mit Holunder vom Kanalufer. 

Dieses Café verkörpert die Idee einer Community aus Anwohnern und Angestellten. Ganz ähnliche Konzepte stehen hinter Dutzenden von Nachbarschaftsinitiativen und gemeinnützigen Organisationen, die sich für den Schutz des Ökosystems und des natürlichen Lebens entlang des Kanals einsetzen. In Haggerston etwa gibt es meterlange schwimmende Inseln zu sehen, die einen Korridor für Artenvielfalt schaffen. Die ehrenamtlichen Helfer der gemeinnützigen Organisation Canal River Trust haben diese künstlichen Inseln kreiert und damit einen wesentlichen Beitrag zu Londons Konzept als Nationalpark Stadt beigetragen.

Auch die Gärtner von den Wildlife Gardeners of Haggerston bauen aktuell einen grünen Korridor, der – wenn die Pläne aufgehen – bis zur Mündung des Flusses Lea reichen soll.

 Hackney City Farm in the East End of London. Sign and the entrance.

Die Flusswanderung endet an der Hackney City Farm – einem wirklich außergewöhnlichen Ort, an dem Besucher und Ehrenamtliche mit Bauernhoftieren zusammentreffen. Von Schweinen über Schafe bis hin zu Enten und Hühnern gibt es einiges zu sehen. Kinder haben hier jede Menge Spaß und lernen dabei 

den Respekt vor der Natur. Das hiesige Bauernhofcafé heißt Frizzante und ist vom italienischen Agritourismus inspiriert. Hier gibt es italienische Gerichte mit Bio-Zutaten.  

All diese Initiativen zeigen, dass sowohl gut durchgeplante Projekte als auch spontane Nachbarschaftsideen biologische Vielfalt schützen und Gegenden zu neuem Leben erwecken können.

Zu guter Letzt geht es in die Columbia Road, einem der wohl fotogensten Straßenzüge in der ganzen Stadt. Hier lohnt sich ein Bummel durch die vielen kleinen nachhaltigen Ladengeschäfte mit einer Vielzahl schöner Dinge (Kerzen, Töpferwaren, Gläser, Seifen, u.v.m).  Sonntags findet hier der beliebteste Blumenmarkt der Stadt statt. Und was gibt es Schöneres, als den Tag im Morito Hackney Road ausklingen zu lassen? Das Restaurant serviert beste mediterrane Gerichte, an manchen Tagen (meist dienstags) sogar untermalt von Live-Musik im Keller.

12 Jan 2022(last updated)

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